Zwischenruf - Luisa Maurer:Ein gepackter Koffer als Mahnung

„Darf ich noch ein Foto machen?“, frage ich mehr rhetorisch als, dass ich ein Nein erwarte. Aber der Mann mir gegenüber schüttelt entschieden den Kopf. Diese Begegnung spielt sich auf einem Fachtag für Mitarbeitende in der Jugendarbeit ab. Der Fachtag stellt die Frage, wie wir als kirchliche Mitarbeitende Demokratie stärken und Radikalisierung verhindern können. Der Mann, den ich nach einem Foto fragte, ist Demokratieforscher. Als er ablehnt, dass ich ein Foto von ihm mache, erklärt er mir, dass er sich wissenschaftlich fundiert, sehr deutlich gegen Rechtsextremismus äußere. Zu Hause stehe für ihn und seine Familie immer ein gepackter Koffer. Er habe keine Panik, aber es sei eine berechtigte Vorsichtsmaßnahme.
Heute, am 27. Januar ist in Deutschland Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus. Es soll derer gedacht werden, die entrechtet, gequält oder ermordet wurden. Der Tag wurde eingeführt, um nicht zu vergessen. Ich glaube fest daran, dass jeder Mensch ein Abbild Gottes ist und eine unantastbare Würde trägt. Und niemandem steht es zu, sich über diese Würde hinwegzusetzen und andere zu entrechten, zu quälen oder gar zu ermorden.
Für ein Deutschland, in der jede und jeder als Abbild Gottes seinen Platz hat möchte auch ich mich heute einsetzen und aussprechen. An diesem Tag denke ich an die Opfer des Nationalsozialismus.
Natürlich sind wir heute in einer anderen Situation. Und vielleicht ist der Demokratieforscher nicht mit den Opfern des Nationalsozialismus zu vergleichen. Und doch denke ich heute an seinen gepackten Koffer. Ich wünsche ihm und uns allen, dass der niemals zum Einsatz kommt.