Zum Inhalt springen

Lebenszeichen - Matthias Marx:Kurt Tucholsky

Der deutsche Schriftsteller Kurt Tucholsky zählte zu den bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik.
Man sieht kleine grüne Pflanzen, die gerade beginnen zu wachsen
Datum:
27. Dez. 2025
Von:
Matthias Marx

Vor genau neunzig Jahren ist er gestorben, unter nicht mehr feststellbaren Umständen: der große deutsche Schriftsteller Kurt Tucholsky. Seine Stimme als Journalist und Dichter war zwischen den Weltkriegen unüberhörbar gewesen, scharfsinnig und geistreich, ironisch – ein Mann, wie er selbst behauptet, mit der „eisernen Schnauze und dem goldenen Herzen“. 
Ein aus dem Judentum Ausgetretener, ein „Original-Heide“, wie er sagt, ein Linker, ein Nazi-Verfolgter. Auch ein scharfer Kritiker der beiden Kirchen in Deutschland. Da war es schon aufsehenerregend, als in seiner Zeitschrift „Die Weltbühne“ im Februar 1930 ein offener „Brief an eine Katholikin“ erschien. Diesem Artikel war eine Begegnung vorausgegangen mit der jungen Journalistin Marierose Fuchs, die ihn ihrerseits in der Presse angegriffen hatte.
Tucholsky schreibt: „Sie hatten die Freundlichkeit, einmal das zu tun, was in Deutschland so selten ist: über den trennenden Graben hinweg nicht mit faulen Äpfeln zu werfen, sondern Briefe von Verstand zu Verstand zu schreiben. Händedruck und Dank. Sie leben in Berlin und werden vielleicht die katholische Provinz nicht so kennen mit ihren unsäglichen frommen Käsblättchen.“
Mit größter Hochachtung äußert er sich auch über das soziale Engagement seiner Briefpartnerin, die zum Kreis des damals in Berlin wirkenden katholischen Pfarrers Carl Sonnenschein gehörte: „Ihr habt viel Gutes getan, man soll es Euch danken und nicht hinter jeder wohltätigen Handlung die kalte Berechnung des Kundenfanges sehen.“
Tucholsky macht allerdings einen großen Unterschied zwischen der äußeren Gestalt einer Kirche und den echten Glaubensüberzeugungen: „Was sollen mir spitzfindige Erklärungen ... wenn im entscheidenden Augenblick die Kirche in Paris und die Kirche in Berlin die Leute zum Mord antreibt? Was man da herumtiftelt, verfälscht Christus -- die einzige wahre Gotteslästerung, die ich kenne.“
Der große Autor ist aber auch ganz persönlich um seine Briefpartnerin bemüht, er geht auf ihre privaten Bemerkungen, auf ihre inneren Probleme ein:
„Quälen Sie sich nicht zu sehr“, schreibt er an sie „Es gibt doch, wie Sie mir immer wieder richtig geschrieben haben, einen fröhlichen Katholizismus – einen lebensbejahenden - ..., da sollten Sie sich etwas holen: Leben, Arbeit, einen Mann, einen Freund, eine Freundin...da ist es“.
Ansonsten schreibt er gern etwas Herausforderndes, gepfeffert und frech. So 1931 in derselben „Weltbühne“:
„Die Katholiken sitzen vor ihrer Hütte. Ein Heide geht vorbei und pfeift sich eins. Die Katholiken tuscheln: "Der wird sich schön wundern, wenn er stirbt!" Sie klopfen sich auf den Bauch ihrer Frömmigkeit, denn sie haben einen Fahrschein, der Heide aber hat keinen, und er weiß es nicht einmal. Wie hochmütig kann Demut sein!“
Die Herausforderung, vor der Fräulein Fuchs stand, gilt auch heute noch. Auch uns schreibt Tucholsky: „Ihr müsst euch schon daran gewöhnen, dass es sehr vergnügte Heiden gibt. In mir ist nichts, was erlöst werden muss. Und wenn Sie fragen: ‚Wie ist das, wenn man kein Weihnachten hat?' Na danke – es geht. Es geht wirklich sehr gut, ich vermisse nichts.“
Gerade liegt das Weihnachtsfest 2025 hinter uns. Jesus ist wirklich zur Welt gekommen. Doch gläubige Menschen wissen, dass die Frage der Erlösung längst nicht geklärt ist. Auch nicht für die völlig Überzeugten. Fehlt uns nicht immer neu die Erlösung von zu einfachen Vorstellungen? Von falschen Sicherheiten? Von frommer Ablenkung? Von einem zu offiziellen Christentum?
Was Tucholsky alles in Frage stellt, dazu sein Verlangen nach praktischer Tat, nach Glaubwürdigkeit, ist ein Warnsignal. Sich nicht allzu schnell in Sicherheit zu wiegen. Zum Christentum gehört auch das Verstehen und Akzeptieren fremder Perspektiven, ein ständiges Umdenken. Sonst ist es kein Zeichen von Leben, kein Lebenszeichen.