Lebenszeichen - Corinna Achtermann:Maria aus Magdala

Über viele Jahrhunderte waren sie fast unsichtbar und unhörbar: die Frauen um Jesus. Die Jüngerinnen. Dieses Schicksal haben sie aber nicht selbst gewählt, – es wurde ihnen auferlegt.
Entgegen der Idee des heutigen Unsichtbarkeitstages, - dessen Ziel es ist möglichst nicht aufzufallen, möchte ich genau das Gegenteil machen. Ich möchte bewusst hinsehen und aufmerksam machen. Aufmerksam machen auf die Frauen, die vergessen, verdrängt oder unsichtbar gemacht wurden.
Viele herausragende Frauen der letzten Jahrhunderte erfahren erst in den vergangenen Jahren die Aufmerksamkeit, die ihnen eigentlich zusteht. Sie und ihre Bedeutung wird wiederentdeckt oder besser nicht mehr unter den Teppich gekehrt. Dabei rückt eine besonders ins Licht: Maria aus Magdala. Die erste Zeugin der Auferstehung, die erste Verkünderin der Botschaft der Hoffnung.
Aber wer war sie eigentlich – diese herausragende, treue Jüngerin Jesu? Was sagt die Bibel über sie?
In den Evangelien: überraschend viel! Alle vier Evangelien nennen sie an den entscheidenden Momenten im Leben Jesu. Sie bleibt unter dem Kreuz. Sie ist bei der Grablegung dabei. Und alle vier Evangelien berichten: Maria aus Magdala ist die erste, die dem Auferstandenen begegnet.
Auffällig ist: Maria wird – anders als damals üblich – nicht über einen Mann oder eine Familie definiert. Sie ist einfach „Maria aus Magdala“.
Magdala war zu Jesu Zeit eine wohlhabende Handelsstadt. Vieles spricht dafür, dass Maria dort selbstständig lebte – vielleicht als Unternehmerin, vielleicht als Händlerin mit eigenem Einkommen. Sie konnte also aus eigener Kraft entscheiden, Jesus nachzufolgen.
Zu seinem engsten Kreis gehörten mehrere solcher selbstständigen Frauen – engagierte, aktive Jüngerinnen. Nur: Sie werden selten erwähnt. Sie sind die Unsichtbaren der frühen Kirche. Dabei zeigen gerade sie ein tiefes Verständnis für Jesu Weg. Während die männlichen Jünger um die besten Plätze streiten, stellt das Markusevangelium eine namenlose Frau in den Mittelpunkt: Sie salbt Jesus und erkennt ihn als den „Gesalbten“, den Christos.
Maria aus Magdala aber steht über allen Namenlosen.
Sie ist – biblisch eindeutig – die Erstzeugin der Auferstehung und die erste Verkünderin der Frohen Botschaft.
Sie begleitet Jesus von Galiläa bis nach Jerusalem.
Sie bleibt, als andere fliehen.
Sie wacht am Grab.
Und sie ist die Erste, die dem Auferstandenen gegenübersteht.
Eine starke Frau. Stark im Glauben. Und so bedeutsam, dass sie sogar als Apostelin der Apostel bezeichnet wird.
Doch wenn das so klar bezeugt ist, wieso entstand dann das völlig falsche Bild der „schönen Sünderin“, das viele bis heute mit ihr verbinden?
Die Evangelien erinnern zwar noch daran, dass die Frauen zu den treuesten Jüngerinnen Jesu gehörten. Doch schon um das Jahr 250 zeigen Gemeindeordnungen: Man nahm den Frauen den Verkündigungsauftrag – man brachte sie zum Schweigen.
Warum?
Weil die junge Kirche sich anpasste. An den patriarchalen Zeitgeist der hellenistischen, römischen und jüdischen Umwelt.
Man wollte keinen Anstoß erregen.
Und so wurde auch Maria aus Magdala stillgelegt – nicht durch Gewalt, sondern durch eine falsche Erzählung: die der „reuigen Sünderin“.
Ein Bild, das der Bibel widerspricht.
Ein Bild, das Maria unsichtbar machen sollte.
Hier berührt sich ihre Geschichte mit dem heutigen Unsichtbarkeitstag:
Maria aus Magdala steht stellvertretend für alle, deren Stimme überhört, deren Wirken verdrängt, deren Bedeutung kleingeredet wurde.
Der heutige Unsichtbarkeitstag lädt dazu ein:
Sichtbar zu machen, was lange unsichtbar war.
Die Stimmen der Frauen zu hören, die man zum Schweigen bringen wollte.
Die Geschichte neu zu schreiben – so, wie sie wirklich war.
Heute ist es Zeit, wieder auf die biblische Maria aus Magdala zu schauen:
Auf die starke Frau, die Erste am Grab, die Verkünderin der Hoffnung. Die Apostelin der Apostel.
Auf eine Frau, die das Dunkel von Trauer und Verlust kannte – und trotzdem dem Gott des Lebens vertraute.
Sie hat ihren Platz eingenommen. Diese starke und bewundernswerte Frau.