Lebenszeichen - Wolfgang Drießen:So ist Gott nicht!

Vor 70 Jahren, im Jahr 1956 kam „Der Hauptmann von Köpenick“ mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle in die Kinos. Gleich an zwei Stellen im Film merke ich, wie mir die Augen wässerig werden. Und zwar deshalb, weil Rühmann für mich eine der besten schauspielerischen Leistungen bietet, die ich aus dem Kino kenne.
Die Handlung des Films basiert auf einem Theaterstück von Carl Zuckmayer. Es nimmt den Militarismus und das Obrigkeitsdenken während des Kaiserreichs zur Zeit Wilhelms II. aufs Korn. Wer eine Offiziersuniform trug, dem gehorchte man. Ausgangspunkt ist die wahre Geschichte des Schusters Wilhelm Voigt. Der besorgt sich eine Hauptmannsuniform, schnappt sich mit deren Hilfe ein paar Soldaten von der Straße weg und besetzt kurzerhand das Rathaus von Köpenick, um sich einen Pass zu organisieren. Theaterstück und Film erzählen die fiktive Vorgeschichte dazu. Wilhelm Voigt ist eine verkrachte Existenz. Er sitzt mehrfach im Gefängnis, steht danach auf der Straße und gerät in die Mühlen der Bürokratie. Ohne Pass bekommt er keine Arbeit und ohne Arbeit keinen Pass. Deshalb droht ihm die Ausweisung aus Deutschland. Zunächst kommt er aber im Haushalt seiner Schwester und deren Mann Friedrich unter. Dort erhält er mit der Post den Ausweisungsbescheid, als er gerade der schwer kranken Untermieterin Lieschen das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten vorliest. Den Ausweisungsbescheid in der Hand liest Rühmann im Film: „Weil ick nu zu Jahren komme, sagte die Katze, und lieber hinter dem Ofen sitze bin als Mäuse zu jagen wollen se mich ersäufen. Nun is juter Rat teuer. Wo soll ick denn hin? Komm mit uns, sagte der Hahn, Zieh lieber fort mit uns, etwas Besseres als den Tod findest du überall...“ Und er nimmt die Brille ab, und schaut so verloren drein, dass mir die Tränen kommen. Man erzählt, dass Regisseur Helmut Käutner nach dieser Szene die Dreharbeiten für diesen Tag abgebrochen hat, so ergriffen seien alle gewesen. Voigt beschließt, Deutschland zu verlassen und sinniert in einer anderen Szene im Gespräch mit einem Schwager Friedrich über sein verkorkstes Leben:
„Vorhin aufm Friedhof, da hat se zu mir jesprochen die innere Stimme. Da hat se jesacht: Mensch, hat se jesacht, einmal kneift jeder den Arsch zu, auch du, hat se jesacht. Und denn, denn stehste vor Gott, dem Vater, ….und der fragt dir, ins Jesichte: Willem Voigt, wat haste jemacht mit deine‘ Leben. Und da muss ick sagen: Fußmatten, muss ick sagen, die hab ick jeflochten im Jefängnis. Und da sind se alle druff rumjetrampelt …. Det sachste vor Gott, Mensch.
Aber der sacht zu dir: Jeh weck, sacht er! Ausweisung! Sacht er. Dafür hab ick dir det Leben nicht jeschenkt! Sacht er. Det biste mir schuldig. Wo is et? Wat haste mit jemacht? Und denn is et wieder nix mit der Aufenthaltserlaubnis.“
Ich habe diese Szene schon oft gesehen. Rühmann spielt sie so intensiv, dass ich bis heute immer einen Kloß im Hals spüre und am liebsten in den Film hinein klettern möchte. Dann würde ich den kleinen Mann an den Schultern packen und sagen: „Nee Willem Voigt, so ist Gott nicht. Der gibt dir deine Chance, auch wenn dein Leben bis heute völlig verkorkst verlaufen sein sollte. Der lässt dich nicht fallen, bei dem haste immer eine Chance.“
Ja ich weiß, das ist reine Glaubenssache. Und die Bibel kennt ja auch den Gott, der zornig ist, straft und richtet. Aber genauso kennt sie den verzeihenden und gütigen Gott. Und von einer Grundüberzeugung komme ich nicht los: vor Gott ist der Mensch mehr wert als die Summe seiner Leistungen. Egal ob er Fußmatten geflochten oder Firmen gegründet hat. Der nimmt jeden in den Arm, in der Bibel den verlorenen Sohn, im wahren Leben Menschen wie Sie und mich und im Film den „Hauptmann von Köpenick“.