Zwischenruf - Lisa Olschewski:Timmy, der Wal

Ein gestrandeter Wal in der Ostsee. Das hat viele Menschen sehr beschäftigt. Dabei strandet täglich irgendwo auf der Welt ein Wal. Der Wal hat sogar einen Namen: Timmy. Warum berührt diese Geschichte von Timmy sogar so, dass einige morgens nach dem Aufwachen direkt checken, ob Timmy noch lebt oder irgendwo gesehen wurde?
Ich glaube, Timmy hat die Menschen berührt, weil sie sich mit ihm identifizieren konnten. Wie oft strande ich selbst? Liege bildlich gesprochen selbst mit dem flachen Bauch an einer Stelle, an der ich scheinbar kaum vor noch zurück kann. Und dann ist da jemand, der mich sieht, der meinen inneren Kampf wahrnimmt und der mir vielleicht einen Schubs gibt. Dann kommt die nächste Sandbank, ich hänge wieder fest. Ich merke: Heilung und Wachstum verlaufen nicht linear. Scheitern und Rückschritte gehören zu diesem Weg dazu. Und ich probiere es weiter.
Vielleicht wirkt Timmy aber auch auf eine andere Weise auf mich. In einer Zeit von multiplen Krisen, Kriegen und Umweltzerstörung, helfen Menschen mit aller Anstrengung einem einzelnen Tier. Und auch wenn Wale tatsächlich unfassbar wertvoll für das Ökosystem sind, es ist nur ein einziges Tier. An anderer Stelle sterben stündlich fußballfeldgroße Ökosysteme und es gibt keine Schlagzeilen darüber.
Ich glaube, die große Anstrengung und Hingabe mit der sich Menschen gerade um Timmy kümmern und sorgen, schenkt in einer Welt voller Krisen für einen kurzen Moment das Gefühl, etwas im Griff zu haben, etwas tun zu können.
Denn es sind am Ende die Einzelschicksale, die Menschen zu menschlichem Handeln bewegen. Ich denke, es war Timmys Aufgabe, genau diesen, vielleicht letzten Auftrag zu erfüllen: Daran zu erinnern, das Stolpern und Stranden dazugehören und Heilung und Wachstum in Etappen und Rückschlägen geschieht. Und um an unser Menschsein zu erinnern und daran, dass wir Verantwortung tragen.