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Lebenszeichen - Thomas Hufschmidt:Welttag der Mathematik – Pi-Tag

Das Leben funktioniert selten wie eine mathematische Formel.
Man sieht kleine grüne Pflanzen, die gerade beginnen zu wachsen
Datum:
14. März 2026
Von:
Thomas Hufschmidt

Mathematik war in der Schule mein absolutes Lieblingsfach. Bis in die zwölfte Klasse hinein war für mich daher auch klar: Ich werde einmal Mathematik studieren. Zahlen, Gleichungen, logische Zusammenhänge – das lag mir einfach. Ich mochte die Klarheit dieses Faches. In der Mathematik gibt es richtige Lösungen. Wenn der Rechenweg stimmt, dann geht die Aufgabe auf und am Ende ergibt alles Sinn. 
Mein Lebensweg hat aber eine andere Richtung genommen. Aus dem geplanten Mathestudium wurde ein Theologiestudium. Heute bin ich katholischer Priester und arbeite in der Jugendkirche in Saarbrücken. Rückblickend denke ich manchmal: Meine Lebensgleichung ist anders aufgegangen, als ich es zu Schulzeiten berechnet hatte.
Die Mathematik steht für mich für etwas, wonach sich viele Menschen sehnen.  Der Wunsch nach Übersicht im Leben. Planbarkeit. Sicherheit. Ich möchte Entscheidungen treffen und wissen: Das war richtig. Ich investiere viel Zeit, Kraft und Hoffnung – und wünsche mir, dass sich am Ende alles stimmig zusammenfügt.
Aber das Leben funktioniert selten wie eine mathematische Formel. Beziehungen lassen sich nicht berechnen. Vertrauen entsteht nicht nach festen Regeln. Und Berufung schon gar nicht. Manchmal öffnen sich Türen, mit denen ich nie gerechnet hätte. Und manchmal schließen sich Wege, die eigentlich perfekt erschienen.
Ausgerechnet die Zahl Pi, die heute am 14. März – dem sogenannten Pi-Tag – im Mittelpunkt steht, erzählt davon eine eigene Geschichte. Sie ist eine sogenannte irrationale Zahl, das heißt sie hat unendlich viele Nachkommastellen. Sie geht immer weiter – ohne erkennbares Muster, ohne Wiederholung. Man kann sie immer genauer berechnen, aber niemals vollständig erfassen.
Vielleicht ist das ein überraschend gutes Bild für mein Leben. Ich kann planen, strukturieren und durchdenken. Aber vollständig kontrollieren kann ich meinen Weg nicht. Ein Teil meines Lebens bleibt offen, unberechenbar – manchmal auch widersprüchlich. 
Gerade junge Menschen erzählen mir oft, wie groß der Druck ist, den richtigen Weg finden zu müssen. Alles soll passen: Ausbildung, Karriere, Lebensentwurf. Möglichst ohne Umwege. Möglichst ohne Fehler.
Und doch entdecke ich - auch in meinem Leben - immer wieder: Die entscheidenden Wendepunkte im Leben entstehen selten dort, wo alles aufgeht, sondern dort, wo etwas offenbleibt. Wo Fragen bleiben. Wo ich nicht mehr alles selbst in der Hand habe.
Im Glauben bedeutet das für mich: Gott ist kein Mathematiker, der unser Leben nach einer perfekten Formel ordnet. Der Glaube verspricht keine fehlerfreie Rechnung. Aber er vertraut darauf, dass selbst Brüche und Umwege Teil einer größeren Geschichte sein können.
In der Bibel verlaufen Lebenswege fast nie geradlinig. Abraham verlässt seine Heimat ohne sicheren Plan. Mose fühlt sich ungeeignet für seine Aufgabe. Maria versteht zunächst nicht, was mit ihr geschieht. Und doch entsteht gerade aus diesem Unfertigen etwas Neues.
Vielleicht besteht Vertrauen im Glauben genau darin: nicht alle Ergebnisse vorher zu kennen – und trotzdem weiterzugehen. Darauf zu vertrauen, dass Gott auch dort mitgeht, wo meine eigenen Berechnungen enden.
Wenn ich heute auf meinen eigenen Weg schaue, dann sehe ich keinen Rechenfehler. Ich sehe einen Weg, der sich Schritt für Schritt ergeben hat. Anders als gedacht – aber stimmig geworden.
Der Welttag der Mathematik erinnert mich deshalb daran: Mein Leben muss nicht restlos erklärbar sein. Es darf Fragen geben, Unsicherheiten und offene Stellen.