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Zwischenruf - Birgit Wenzl-Heil:Das denkende Herz

Etty Hillesum kommt trotz aller Gräueltaten, die sie erleben musste, zu dem Schluss: Das Leben ist schön.
Ein Kopfhörer liegt auf einem Buch, daneben steht eine Tasse mit Tee oder Kaffee
Datum:
15. Jan. 2026
Von:
Birgit Wenzl-Heil

„Ich habe erfahren, dass man alles Schwere in Gutes verwandeln kann, indem man es trägt.“ Etty Hillesum, die diesen Satz in ihr Tagebuch schreibt, erlebt viel Schweres. Heute vor 112 Jahren wurde die Niederländerin jüdischen Glaubens geboren. Etwa zweieinhalb Jahre umfassen die Tagebucheinträge und Briefe, in denen wir an ihrer intensiven menschlichen und spirituellen Entwicklung anteilnehmen können. Dann wird die junge Frau durch die Nazis nach Auschwitz deportiert und mit 29 Jahren ermordet. Lese ich ihre Sätze, höre ich die Stimme einer Frau, die auch heute direkt neben mir sitzen könnte. Sie ist schriftstellerisch und mystisch begabt und stellt sich ihren tiefsten Gefühlen. Dabei entdeckt sie nach und nach etwas, das sie schließlich beginnt Gott zu nennen. Sie zieht daraus die Kraft, selbst im Unglück gelassen zu bleiben und alle Menschen, die ihr begegnen, mit den Augen des Herzens anzusehen, selbst ihre Verfolger. „Das denkende Herz“, nennt sie sich, als sie sich im Übergangslager Westerborg um andere Gefangene kümmert. Fröhlich, hilfsbereit, tatkräftig – so beschreiben sie Augenzeugen. „Es ist das einzige, auf das es ankommt: ein Stück von dir in uns selbst zu retten, Gott. (…) Und mit fast jedem Herzschlag wird mir klarer, dass du uns nicht helfen kannst, sondern dass wir dir helfen müssen und deinen Wohnsitz in unserem Inneren bis zum Letzten verteidigen müssen.“ So beschreibt Etty Hillesum, was sie bis zuletzt trägt. An anderer Stelle schreibt sie: "Und dennoch komme ich immer wieder zu demselben Schluss: Das Leben ist schön. Und ich glaube an Gott. Und ich will mittendrin in alldem sein, was die Menschen 'Gräueltaten' nennen und dann noch sagen: 'Das Leben ist schön.'"