Zwischenruf - Dr. Frank Kleinjohann:Den Menschen ansehen

Oft fahre ich morgens mit der Saarbahn ins Büro. Neulich blickte ich für einen Moment in den Zug. Fast ausnahmslos alle Fahrgäste schauten gebannt auf ihr Smartphone. Viele hatten Knöpfe im Ohr, die sogenannten Earpods. Niemand sprach mit dem Nachbarn oder der Nachbarin. Ich frage mich, was passieren würde, wenn sich alle einmal wieder anschauen würden, ins Gesicht, face to face. Wenn man das Smartphone für einen Moment zur Seite und die Earpods in die Tasche stecken würde.
Dann würde man die gestresste Mutter mit ihrem kleinen Baby sehen und würde ihr vielleicht einfach einmal freundlich zunicken. Dem älteren Herrn mit seinem Stock, der sich mit der anderen Hand fest an die Halteschlaufe klammert, den Sitzplatz anbieten. Der Sitznachbarin „Guten Morgen“ sagen. Womöglich würde sich ein kleiner Dialog entwickeln. Den Menschen neben mir einfach nochmal ansehen, ins Gesicht, face to face. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass dies eine Sehnsucht des Menschen ist: Gesehen zu werden, angeschaut zu werden. Das gibt uns An-Sehen, Würde. Ich gebe ehrlich zu: Auch ich arbeite oft schon morgens in der Bahn mit meinem Smartphone. Aber auch ich würde mich freuen, wenn mich jemand anschauen und einfach nur grüßen würde.
Ich habe mir fest vorgenommen, zukünftig das Smartphone immer wieder mal in der Tasche zu lassen und einem Menschen neben mir einen Blick zu schenken. Ob er erwidert wird? Ob wir uns grüßen? Ob ich vielleicht sogar etwas für mein Gegenüber tun kann? Wissen tue ich das nicht, aber ein Versuch ist es auf jeden Fall wert.