Zwischenruf - Birgit Wenzl-Heil:Ein Tor zum Himmel

Ein blanker Fels, helles Gestein, glattgescheuert durch die Hände und Füße der Menschen, die seit Jahrtausenden hierherkommen. Er befindet sich in Jerusalem – genauer: im Felsendom. Warum dieser Ort so besonders ist, davon erzählen sich Juden, Christen und Muslime - und sicher auch Gläubige, die lange vor diesen Religionen hierherkamen - ganz unterschiedliche Geschichten. In der jüdischen Tradition begegnet Gott an diesem Felsen Abraham und seinem Sohn Isaak. Muslime kennen eine Geschichte über den Propheten Mohammed die erzählt, wie er von Mekka aus auf eine nächtliche Reise aufbricht und auf wunderbare Weise auf dem Felsen landet. Von dort steigt er auf in den Himmel. Am heutigen Tag Lailat al-Miraj denken viele Muslime an diese Himmelsreise des Propheten. Mich fasziniert, dass dieser Fels seit bestimmt 3000 Jahren Menschen anzieht. Sie beziehen ihn in ihre jeweils eigene religiöse Welt ein, weil sie das Gefühl haben, dass Gott ihnen hier näher ist als anderswo. Wie ein Tor zum Himmel. Lasse ich mich inspirieren von diesem Felsen, kann ich mich fragen, wo es in meinem Leben - hier, vor Ort - so etwas gibt. Ein Ort, Ereignisse oder Menschen, die mir guttun, weil ich spüre, hier geht es um mehr als den alltäglichen Trott. Hier ist etwas anziehend über den morgigen Tag hinaus. Oder im Bild der Himmelsreise Mohammeds gesprochen: Wo streckt mir Gott seine Hand entgegen – und öffnet mir mein Tor zum Himmel?