Zwischenruf - Michael Kinnen:Eine App zur Lebensmittelrettung und die Bibel

Ich nutze gerne eine App zur Lebensmittelrettung. Das kleine Werkzeug auf dem Handy hilft mir, mit einer Umkreissuche Bäckereien, Lebensmittelmärkte oder Restaurants zu finden, die am Ende des Tages ihre überschüssigen Waren zum kleinen Preis anbieten. Zu gut für die Tonne! Die Preise sind dabei dynamisch, das heißt, je knapper ich vor Ladenschluss buche, desto günstiger wird die Überraschungstüte. Vielleicht ist es eine Berufsblindheit und liegt daran, dass ich mal Theologie studiert habe, aber mir ist bei den dynamischen Preisen eine Stelle aus der Bibel eingefallen: Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg. Da geht ein Gutsbesitzer auf Arbeitersucher und verspricht jedem denselben Lohn. Die, die früh morgens schon loslegen mit der Arbeit bekommen dasselbe wie die, die kurz vor knapp kommen und noch eingestellt werden. Das sorgt natürlich für Unmut. Ist das denn nicht ungerecht? Die einen haben ja viel länger gearbeitet als die anderen. Die Geschichte wird so gedeutet, dass der Gutsbesitzer, natürlich im übertragenen Sinn ist damit Gott gemeint, jedem das zuteilt, was er wirklich zum Leben braucht.
Was hat das nun mit der App, mit der Lebensmittelrettung zu tun? Da bekommt auch am Ende des Tages jeder Kunde eine gleich gefüllte Überraschungstüte. Die, die frühmorgens die Tüte reservieren, ebenso wie die, die kurz vor knapp noch das größere Schnäppchen sichern, weil der dynamische Preis eben gesunken ist.
Für alle gleich. Ist das nach menschlichem Maßstab gerecht? Vielleicht nicht. Und ohne übertreiben oder die Vergleiche zu sehr strapazieren zu wollen: Ein himmlischer Moment ist es eben doch am Abend mit der vollen Tüte, beim Lebensmittelretten.