Zum Inhalt springen

Zwischenruf - Thomas Mann:Einer reicht nicht

Eine persönliche Gedankenreise zwischen Kirchenfrust, Zweifel und der Entscheidung, Hoffnung nicht aufzugeben.
Ein Kopfhörer liegt auf einem Buch, daneben steht eine Tasse mit Tee oder Kaffee
Datum:
5. Okt. 2026
Von:
Thomas Mann

„Ich bin aus der Kirche ausgetreten. Ich finde niemanden mehr in der Kirche, mit dem ich über meine Ängste und Fragen sprechen kann. Ich fühle mich im Stich gelassen.“ sagt eine Freundin zu mir, als wir miteinander essen waren.
Ich werde traurig, als sie ihr Herz ausschüttet, denn ich kann vieles, was sie sagt, gut verstehen. Ihre Worte treffen mich, ich bin auch oft unzufrieden mit meiner Kirche. Aber austreten? Solche Gespräche hatte ich in den letzten Jahren oft mit Freunden.
Sie haben sich von der Kirche distanziert, finden keinen Halt, keine Heimat mehr. Sie sind verärgert, manchmal angeekelt und haben keine Hoffnung auf Besserung. Das Fazit lautet: Diese Kirche kann weg, sie hat nichts mehr zu geben und nichts mehr zu sagen. 
Klagen über den Zustand der Kirche sind nicht neu. Vor rund 800 Jahren warf man der Kirche vor, sie lebe in Saus und Braus, sei machthungrig, unmoralisch und hätte kein Herz für Arme. Damals trat in Italien, genauer gesagt in Assisi, ein Mann namens Franziskus ins Rampenlicht. Mit dem, was er tat, machte er sich bei den Kirchenoberen sofort verdächtig und bei vielen aber bis heute unsterblich.
Er verließ seine reiche Familie, tauschte mit einem Obdachlosen seine Kleider, fand Mitstreiter und kämpfte friedlich für soziale Gerechtigkeit, Frieden und verantwortlichen Umgang mit der Natur ein. In diesen Tagen ist sein Gedenktag und ich wünsche mir wieder einen wie den Heiligen Franziskus. 
Aber mir ist klar: statt auf den einen Heilsbringer zu warten, der alle Probleme löst, muss ich meine eigene Bequemlichkeit ablegen, aufstehen und mich mit anderen für eine gerechtere Welt einsetzen. Die Mitstreiter dazu finde ich - nicht nur, aber immer noch - in meiner Kirche. Darum habe ich mich entschieden, zu bleiben.