Zwischenruf - Michael Kinnen:Gegen Vor-Urteile

In Berlin gab es vor einiger Zeit eine „Kartoffel-Rettung“. Ein Großbauer hatte eine Riesen-Menge übrig, weil er dafür keinen Abnehmer fand. Und weil er sie nicht wegschütten wollte, hat er die Kartoffeln gespendet. Die gingen an Einrichtungen, die sie kostenlos verteilten - nicht nur an Bedürftige: Alle waren eingeladen, sich an den Ausgabestellen zwei, drei Kilo für den eigenen Bedarf abzuholen - als Lebensmittelrettung. Ich fand die Idee gut und bin dann auch zu so einer Stelle hin. „So muss es sich anfühlen, wenn man zur Tafel geht“, dachte ich. Wir standen da zu mehreren in einer kleinen Schlange vor der Kirche, nacheinander konnten wir rein und den mitgebrachten Beutel mit kostenlosen Kartoffeln füllen. Draußen kamen auch Passanten vorbei. Ich denke an deren Blicke, die mich getroffen haben. Manche, die vorbei kamen und uns da so stehen sahen, grinsten; manche blickten weg, peinlich berührt oder verächtlich. „So muss es sich anfühlen, wenn man zur Tafel geht.“ Irgendwie war mir das unangenehm. Ich war ja nicht bedürftig. Und je länger ich drüber nachdachte, desto klarer wurde mir: Nein, so fühlt es sich nicht an, wenn man zur Tafel geht. Ich kann niemandem ansehen, der in der Schlange bei der Essensausgabe steht, ob und wie bedürftig er ist. Ich kann mir gar kein Urteil dazu bilden; kann mich nicht vergleichen mit jemandem, der nicht die Wahl hat, ob er sich anstellt. Der darauf angewiesen ist, dass er etwas bekommt. Die Erkenntnis, wie schnell ich meinen eigenen Vorurteilen auf den Leim gegangen bin, nehme ich mit. Ich nehme mit, dass ich künftig noch mehr darauf achten will, in welche Schubladen ich Menschen stecke. Und ja, auch den Beutel Kartoffeln nehme ich mit. Spätestens beim Essen kommt die mahnende Erinnerung, ob mein Vorsatz geglückt ist.