Lebenszeichen - Corinna Achtermann:Gelassenheit, Mut und Weisheit

Es gibt Dinge, die begleiten uns über Jahre – manchmal ganz unscheinbar. Bei mir ist es eine Kerze. Sie steht auf meinem Nachttisch. Die Kerze begleitet mich schon mindestens 20 Jahre. Auf der Kerze steht ein Gebet, das nach all den Jahren immer noch gut lesbar ist. Und dieses Gebet trägt mich bis heute, auch durch schwere Zeiten.
Ich erinnere mich noch daran, als ich sie bekam. Es war zu meiner Schulzeit. Und damals war es für mich keine einfache Zeit. Meine Mutter schenkte mir die Kerze. Sie sagte: „Vielleicht hilft dir dieses Gebet.“
Auf der Kerze steht:
„Herr, schenke mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann. Den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Und die Weisheit, das eine von dem anderen zu unterscheiden.“
Was ich damals nicht wusste, ist, dass es sich hierbei um ein weitverbreitetes Gebet handelt. Es ist eine deutsche Übersetzung des sogenannten Gelassenheitsgebets des US-amerikanischen Theologen Reinhold Niebuhr (1892–1971). Es entstand vermutlich während des Zweiten Weltkrieges. Der Verfasser war lange Jahre Pfarrer in Detroit und nahm dort Probleme der Industrialisierung wahr. Er beobachtete unmenschliche Arbeitsbedingungen. Das Gebet, das er verfasste, sollte den Menschen in schwierigen Zeiten Trost und Orientierung geben. Und ich glaube, das tut es auch noch bis heute.
Ich weiß noch, wie ich die Sätze zum ersten Mal gelesen habe. Gelassenheit – das klang für mich damals so weit weg. Mut – den hatte ich kaum. Und Weisheit – wie sollte ich die finden? Aber das Gebet brannte sich tief in mir ein. Bis heute kann ich die Worte auswendig sprechen. Und in Momenten der Unsicherheit bete ich sie auch ganz bewusst.
Dieses Gebet ist für mich wie ein Kompass geworden. Es erinnert mich daran, dass ich nicht alles in der Hand habe – und das ist manchmal schwer auszuhalten. Aber Gelassenheit heißt: Ich darf loslassen, was nicht in meiner Macht liegt. Und das entlastet mich in so vielen Momenten. Gleichzeitig fordert mich das Gebet heraus: Wo kann ich etwas bewegen? Wo braucht es meinen Einsatz, meinen Mut? Wo setze ich mich ein und erhebe meine Stimme? Und schließlich: Die Weisheit, beides zu unterscheiden – das ist wohl die größte Herausforderung.
Die Kerze ist zwar nach all den Jahren etwas verblasst, aber das Gebet ist geblieben. Und jedes Mal, wenn ich sie sehe, denke ich daran: Ich muss nicht alles schaffen. Ich darf loslassen, wo ich nichts ändern kann. Ich darf mutig sein, wo ich gebraucht werde. Und ich darf Gott bitten, mir die Weisheit zu schenken, das eine vom anderen zu unterscheiden.
Vielleicht ist das ein guter Wunsch für den Anfang eines neuen Jahres: Gelassenheit, Mut und Weisheit. Damit man nicht verzweifelt an dem, was man nicht ändern kann. Damit man nicht gleichgültig wird, wo man gebraucht wird. Und damit man klug entscheidet, was jetzt dran ist.
In der Bibel im Buch Jesaja steht: „Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir.“ (Jesaja 41,10) – Das ist für mich die Grundlage. Gott geht mit mir, egal was kommt. Ich bin nicht allein. Und das gibt mir die Freiheit, loszulassen, wo ich nichts ändern kann. Es gibt mir den Mut, anzupacken, wo ich gebraucht werde. Und es schenkt mir die Hoffnung, dass Gott mir die Weisheit gibt, das eine vom anderen zu unterscheiden.
Vielleicht haben Sie auch ein Gebet, einen Vers oder einfach Worte, die Sie begleiten und tragen. Und das auch in das neue Jahr hinein.
Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes neues Jahr – mit vielen Momenten der Gelassenheit, mit Mut für das Gute, mit der Weisheit, die uns Gott schenken kann und mit der Gewissheit: Gott geht mit.