Zwischenruf - Dr. Martina Fries:“Gute Augen”

Vor kurzem war ich auf einer Fortbildung in Hamburg. Es ging darum, offen in der Stadt unterwegs zu sein, mit allen Sinnen wahrzunehmen, G*tt in der Welt zu entdecken.
Zum Einstieg erzählte der Referent folgende Geschichte vom Hamburger Hauptbahnhof von jemandem, der mit dem gleichen Auftrag unterwegs gewesen war. Der Mann erzählte:
„‘Ich aß meinen Döner und trank genüsslich mein Bier. Da löste sich plötzlich aus der Gruppe der 'Penner und Säufer' gegenüber ein noch junger Mann, kam zu mir und fragte 'Darf ich mich dazusetzen?' – 'Ja, natürlich, bitte!' Und dann erzählte mir Dieter, wie er sich mir vorstellte, unvermittelt und ohne weitere Umstände sein Leben […]."
Dieter berichtet, dass er nur noch drei Monate zu leben hat. Er fürchtet, dass sich niemand an ihn erinnern wird, kein Mensch mehr von ihm, seinen Hoffnungen und Lebensträumen wissen wird. Er bittet darum, einen Armreif von ihm als Erinnerung zu tragen, was der Erzähler ihm nach ehrlicher und längerer Denkpause verspricht.
„Spontan nahm mich dann der mir eben völlig unbekannte Mensch aus einer mir fremden und völlig anderen Welt in seinen Arm, drückte mich, so fest er todkrank konnte, und sagte: 'Jetzt habe ich wieder einen Bruder!' Beide tief bewegt hielten wir uns eine gute Zeit so umarmt. Wieder nebeneinandersitzend fragte ich dann diesen Bruder Dieter: 'Wie bist du eigentlich darauf gekommen, gerade mich anzusprechen?' Seine Antwort: 'Du bist seit Langem der Erste aus der anderen Welt, der uns Penner mit guten Augen angesehen hat.' Der Schreck fuhr mir in die Glieder. […] Nicht auszudenken, wenn ich an diesem Tag 'schlechte' Augen gehabt hätte — wie an so vielen anderen Tagen des Jahres.“
Mit guten Augen unterwegs sein. Offen für die anderen, mich und G*tt. Das versuche ich heute mal wieder besonders.