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Zwischenruf - Martin Wolf:Kritik lässt wachsen

Der Mensch wächst am meisten an seinen Fehlern
Ein Kopfhörer liegt auf einem Buch, daneben steht eine Tasse mit Tee oder Kaffee
Datum:
2. Nov. 2026
Von:
Martin Wolf

Wie gut das tut, hin und wieder gelobt zu werden! Wenn mir jemand erzählt, wie toll ich eine Sendung gemacht habe. Dass ich sympathisch rüberkomme oder was auch immer. Aber es gibt auch das andere. Wer sich öffentlich äußert, muss auch mit Widerspruch rechnen. Das geht Politikern so, Journalisten und auch uns, wenn wir hier im Radio sprechen. Manche Kritik kommt unqualifiziert daher, bisweilen pöbelnd. Sei‘s drum. Doch hin und wieder trifft sie leider auch ins Schwarze. Etwa, wenn ich zu schlampig gearbeitet oder Menschen durch Worte ungewollt verletzt habe. Berechtigte Kritik kann weh tun. 

Wenn ich nun lese, dass immer mehr – vor allem junge – Leute lieber mit einer KI reden als mit richtigen Menschen, dann wundert mich das nicht. Weil so ein KI-Chatbot nie müde wird. Der hat Tag und Nacht Zeit. Ist immer freundlich. Geht geduldig auf alles ein, was ich sage. Vor allem aber kritisiert er mich nicht. Einer KI kann ich den größten Blödsinn erzählen. Sie wird mich wohl kaum zurechtweisen. Mir nicht an den Kopf werfen, dass ich unqualifizierten Mist rede. Für Leute, die nur Jasager um sich wollen und Widerspruch nicht ertragen, ist das perfekt. Für alle anderen aber eine Katastrophe. 

Denn als Mensch kann ich nicht wachsen, wenn mir nur erzählt wird, wie toll ich doch bin. Wie wahr doch alles ist, was ich von mir gebe. Ist es ja nicht. Weil jeder von uns eigene Schwächen und blinde Flecken hat. Ich jedenfalls habe am meisten da gewonnen, wo ich falsch gelegen habe. Wo ich nachbessern, nochmal anfangen, andere Wege suchen musste. Und wo andere mich zu Recht kritisiert haben. Nicht laut und pöbelnd, aber klar und deutlich. Und vor allem mit Wohlwollen.