Lebenszeichen - Michael Kinnen:Setz dich zu mir, erzähl!

Kennen Sie das? Irgendwas läuft so richtig mies - und dann kommt jemand und sagt: Ach, sieh das doch auch mal positiv: Mach doch mal dies oder das, dann wird’s besser. Das ist meistens gut gemeint. Aber so richtig gebrauchen kann man solche gut gemeinten Ratschläge oft nicht. Das passt im Kleinen wie in den Weltnachrichten. Da denke ich selbst nur zu oft: Ich brauche jetzt niemanden, der so scheinbar konstruktiv daher kommt und mir erklärt, wie das alles besser wird in der Welt oder in der Politik; der einfach sagt, dass alles schon irgendwann gut wird. Ich will keine Checkliste und keinen Rat. Ich möchte einfach erzählen können, dass ich das alles doof finde; dass ich Angst habe; dass ich jetzt auch nicht weiter weiß. Ich brauche jemanden, der da ist; der sich zu mir setzt, mit mir das alles aushält und sagt: erzähl mal!
Auch wenn ich selbst in keinem Tief bin, es mir persönlich gerade sehr gut geht: Das Gefühl kenne ich. Allzuviele Nachrichten sind ja leider wieder mal so, dass man am liebsten ausschalten würde: Da ist die Rede von Krisen und Kriegen, von Klimakatastrophe und Kaltherzigkeit in der Welt.
Das ist übrigens in der Medienforschung ein bekanntes und zunehmendes Problem: Dass viele mit der komplexen Welt und ihren Problemen nicht mehr klarkommen und deshalb im wahrste Sinn des Wortes abschalten, nicht mehr zuhören wollen oder zuhören können; Nachrichten und Fakten überhaupt ignorieren - mit allen Konsequenzen bis zur Anfälligkeit für scheinbar schnelle Schein-Lösungen. Und dann meinen manche - vielleicht
sogar völlig zu Recht: Ich brauche jetzt keinen, der mir erklärt, wie das alles besser wird; keinen, der das alles mal schnell wegmacht. Ich brauche jemanden, der sich zu mir setzt, es mit mir aushält und sagt: Erzähl!
Zugegeben: Hier im Radio ist so eine Sendung natürlich denkbar schlecht dafür geeignet, das einzulösen. Da spricht einer - und bestenfalls hören andere zu. Aber vielleicht kann die Inspiration ja auch hier wirken: Ich wünsche Ihnen, dass Sie nicht darauf bauen, von jemandem die schnelle Lösung zu bekommen. Niemanden, der Sie mit seinen Ratschlägen zutextet. Keinen, der Ihnen einen noch so gut gemeinten Zehn-Punkte-Plan um die Ohren schlägt - weder politisch noch religiös noch privat. Auch die Sendung hier ist das nicht. Ich wünsche Ihnen niemanden, der das alles für Sie wegmacht, was schlecht ist und weh tut. Ich wünsche Ihnen jemanden, der sich im übertragenen Sinn oder auch ganz wörtlich zu Ihnen setzt, mit Ihnen aushält und sagt: Erzähl! Damit sich was lösen kann.
Hier könnte diese Sendung „Lebenszeichen“ jetzt enden. Aber mir ist dabei auch noch eins wichtig und das nicht nur, weil das eine Kirchensendung ist. „Ich brauche jetzt niemanden, der das alles für mich klärt; niemanden, der sagt, dass alles gut wird.“ Das mal so klagend zu formulieren, kann auch ein Seufzer-Gebet zu Gott sein. Ich denke daran, dass der Gott, an den ich glaube, nämlich gerade eben keiner ist, der aus dem Himmel alles wegzaubert, was hier düster und traurig und böse ist. Ich glaube, dass dieser Gott eher einer ist, der mit aushält, der mit leidet. Und gerade das tut ja auch manchmal gut. Und das wünsche ich Ihnen, dass Sie das erfahren, wenn Sie mal sagen: „Ich brauche keinen Appell und auch keinen, der alles für mich löst. Ich brauche eher jemanden, der mit aushalten kann. Der da ist. Der sich neben mich setzt und bei mir ist, ohne viele Worte; der ein Ohr für mich hat und nur das sagt, was ich jetzt gerade am meisten brauche. Nämlich: Ich bin da. Und wenn du willst: Erzähl!“