Zwischenruf - Luisa Maurer:Sitzordnung mal anders

„Setz dich bitte an die andere Tischhälfte. Hier sitzen die Männer.“ Kurz denke ich: Dieser Satz, der mir da gerade vor die Füße geknallt wird, muss ein Scherz sein. Aber nein, Paul scheint es ernst zu meinen. Er wiederholt: „Setz dich da unten zu den anderen Frauen, da bist du besser aufgehoben.“ Ich befinde mich auf einer Geburtstagsfeier und bin geschockt. Paul ist noch nicht einmal der Hausherr, teilt mir aber selbstsicher meinen Platz zu – aufgrund meines Geschlechts.
Ich habe wirklich wenig Lust, mich direkt in den ersten Minuten des Abends bei einem der engsten Freunde des Geburtstagskindes unbeliebt zu machen. Aber ich bin es müde, dass mir aufgrund meines Geschlechts ein Platz zugewiesen wird.
Auch in der Kirche ist das Menschen oft genug passiert. Jesus macht das ganz anders. Immer da, wo Menschen meinen, sie könnten Plätze zuteilen, stellt er klar: Das steht dir nicht zu. Und er setzt sich dafür ein, dass Ausgegrenzte, Benachteiligte oder Frauen mit am Tisch sitzen und ihnen nicht Plätze am anderen Ende des Raums zugeteilt werden.
An diesem Abend überwinde ich mich. Ich bin für Paul in diesem Moment wahrscheinlich eher unangenehm. Ich weigere mich, den Platz einzunehmen, den er mir zugeteilt hatte. Man kann diese Begegnung abtun: Jetzt reg dich nicht so auf, ist doch nur eine Sitzordnung. Aber für mich geht es um mehr. Für eine Tischordnung und eine Gesellschaft, in der jede und jeder Platz hat - unabhängig von Geschlecht, Nationalität oder sexueller Orientierung - nehme ich es in Kauf, auch mal unangenehm zu sein.
Ein paar Tage später treffe ich Paul wieder. Wir haben seither oft über Rollenbilder gesprochen. Er nimmt mich in den Arm und stellt fest: Es war ein schöner Abend – auch mit der anderen Sitzordnung.