Zwischenruf - Michael Kinnen:„Vordruck 1007“

„Vordruck 1007“. Der ist zu verwenden. „Vordruck 1007“, das ist das nüchterne Formular, das von der Polizei zur Todesmeldung benutzt wird, wenn jemand gestorben ist und keine Angehörigen oder sonstige Umstände bekannt sind. Dann nimmt die Bürokratie ihren Lauf und am Ende übernimmt ein Amt die „ordnungsbehördliche Bestattung“, wie es ebenso bürokratisch heißt. Ich hab das erst vor kurzem lernen müssen, als im Sommer ein alter Nachbar im Mietshaus gestorben ist. Ich kannte ihn eigentlich nur aus dem Treppenhaus. Ab und zu hab ich ihm Einkäufe hochgetragen. Ein kurzes Gespräch, mehr nicht. Angehörige hatte er nicht mehr; aber sich dennoch ein kleines Netzwerk aufgebaut in seinen Tagesroutinen. Hier mal die Einkaufstaschen hochtragen; dort mal ein Gespräch mit einem Nachbarn aus der Seitenstraße, der immer zur selben Zeit dort entlang ging. Und die Bäckersfrau mit dem kleinen Café an der Ecke hat er auch täglich besucht. An dem Tag nicht; das hat sie beunruhigt. Als die Polizei dann die Wohnung aufgebrochen hat, haben sie ihn gefunden. „Vordruck 1007“ - der war dann auszufüllen; die Totenmeldung für die Ämter. Durch den Polizeieinsatz am Haus sind auch ein paar Leute zusammengekommen, die das mitbekommen haben: Wir standen zusammen und haben im ersten Erschrecken Erinnerungen zusammengetragen: Woher wir ihn kannten; wie wir ihn erlebt haben, wann wir ihm zuletzt begegnet sind. Jeder und jede nur ein Mosaiksteinchen. Aber so ist plötzlich ein Bild von einem Leben entstanden, das wir alle nur in kleinen Ausschnitten kannten: Da war ein Leben - und mehr als nur der „Vordruck 1007“.