Zwischenruf - Matthias Scheer:Der Fingerzeig für den Frieden

Da schmunzelten einige im Gottesdienst. Vor zwei Wochen regnete es an Fronleichnam. Wir konnten keine Prozession machen und mussten die Altäre in die Kirche verlegen. Nur den Kinderaltar feierten wir wie geplant im Kindergarten, weil die Kleinen warteten. Dort erklärte die Gemeindereferentin das Fünf-Finger-Gebet von Papst Franziskus. Jeder Finger dient als praktische Eselsbrücke.
Der Daumen ist uns der nächste und erinnert an die, die uns am nächsten sind: Familie und Freunde. Der Zeigefinger steht für diejenigen, die uns den Weg zeigen: Lehrer oder Erzieher. Der Ringfinger ist der schwächste – er erinnert an die Schwächeren, die Sorgen haben oder krank sind. Und der kleine Finger schließlich steht für die kleinen Leute, also für uns selbst.
Für das Radio sparen wir uns den Mittelfinger bis zum Schluss auf – denn genau da wurde geschmunzelt. Die Gemeindereferentin erklärte, dass der längste Finger für die Mächtigen und Menschen in höheren Positionen steht. Als sie das sagte, konnten sich manche das Lächeln kaum verkneifen. Ausgerechnet der Mittelfinger – unser Stinkefinger.
Die Kindergartenkinder schauten ganz unschuldig. Aber die Erwachsenen dachten bei den mächtigen Staatschefs unweigerlich an Leute wie Putin oder Trump. Klar, nicht jeder in Führungsposition ist so. Doch ausgerechnet der Finger, der im Zorn über die Nachrichten am schnellsten hochzuckt, erinnert ans Gebet für die Mächtigen. Es ist gut für die zu beten, die über Krieg und Frieden und die Politik entscheiden.
Früher habe ich noch mit Fingern gerechnet. Und heute helfen sie mir, wenn ich beten möchte. So kann ganz paradox aus dem berühmten Mittelfinger ein kurzes Gebet für den Frieden werden.