Zwischenruf - Birgit Wenzl-Heil:Ein Jahr lang zuhören

„Ab dem 20. Juni werde ich ein Jahr lang schweigend durch Deutschland wandern und mich ganz der Kraft des Zuhörens widmen.“ So beschreibt Daniel Beerstecher vor einem Jahr den Start seines Kunstprojektes. Stille und tiefes Zuhören haben eine verändernde Kraft, davon ist er überzeugt. Deshalb macht er sich auf den Weg 3500 km einmal rund um Deutschland, um Menschen zuzuhören. Ihn „interessiert, was entsteht, wenn jemand nicht selbst spricht, nicht argumentiert und nicht bewertet, sondern einfach da ist und wirklich zuhört.“ Er übernachtet im Zelt, in Klöstern, bei Menschen, die ihn unterstützten. In Kontakt mit anderen kommt er durch Lächeln, Kopfnicken, Mienenspiel. Und wenn das nicht reicht, hat er auch noch ein kleines Tablet dabei, auf das er schreiben kann. Zum einen möchte er Menschen begegnen. Er versteht sich aber auch „als Pilger auf einer spirituellen Reise.“ Er möchte „in Verbindung gehen mit dem Unsichtbaren, mit dem Göttlichen“, so sagt er. Daniel Beerstecher ist inzwischen wieder zu Hause. Aus seiner Geschichte nehme ich mit, dass Zuhören eine Kunst ist. Und eigentlich überall möglich, wo man nicht nur schweigt, sondern dabei auch ganz aufmerksam und mit dem Herzen beim anderen ist. Der heutige „Welt-Tag-des-Zuhörens“ könnte ein guter Einstieg sein, es einmal auszuprobieren. Genauso wie Daniel Beerstecher bin ich überzeugt: Mit der Zeit wird es mich verändern.