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Zwischenruf - Thomas Mann:Traurige Enkelin

Einen Verstorbenen kann man im Herzen und im eigenen Handeln weiterleben lassen.
Ein Kopfhörer liegt auf einem Buch, daneben steht eine Tasse mit Tee oder Kaffee
Datum:
8. Mai 2026
Von:
Thomas Mann

Es ist Kaiserwetter. Viele sind gekommen. Eine Blaskapelle spielt.
Der Verstorbene hätte sich sicher über dieses Wetter gefreut. Er hat es geliebt an solchen Tagen draußen zu sein. Jeden Samstag stand er mit seiner Enkelin auf dem Reitplatz oder ritt mit ihr durch den Wald.
Zeit mit seinen Kindern und Enkelkindern war ihm immer heilig. Jeden Samstag. Bei jedem Wetter. Nie hat er gefehlt, sagt mir seine siebenjährige Enkelin. Aber jetzt ist Opa nicht mehr da. Er kann nicht mehr mit zum Reiten kommen. Kann ihr keine Tipps mehr geben.
Die Enkelin ist furchtbar traurig. Sie weint und allen zerreißt es das Herz. 
Beim Leichenims setze ich mich zu ihr und wir reden. Sie erzählt mir stolz von ihrem Opa und was er ihr alles beigebracht hat, was sie von ihm gelernt hat, was er von ihr gelernt hat und wie sehr sie ihn liebt. Ihre Augen strahlen beim Erzählen, so als wäre er da. Sie ist ganz lebendig.
„Wirst Du weiter samstags reiten, auch ohne deinen Opa?“, frage ich sie.  Sie schaut mich mit großen, ungläubigen Augen an.
„Natürlich!“ protestiert sie. „Ich muss das machen. Opa hat mir das doch so beigebracht. Und ich weiß, dass er dann immer bei mir ist und aus dem Himmel zuschaut.“ Sie sagt es mit großem Ernst und richtet sich dabei auf.
Ob Opa wirklich zuschaut, weiß ich nicht, aber ich spüre deutlich, dass diesem Mädchen das Herz brennt, wenn sie von ihm erzählt, wie damals den Jüngern in Emmaus, nach der Auferstehung; Als Jesus ein Stück mit ihnen gegangen ist und mit ihnen gegessen hat.