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Zwischenruf - Wolfgang Drießen:PFFF

Es ist gut, einfach mal den Mund zu halten
Ein Kopfhörer liegt auf einem Buch, daneben steht eine Tasse mit Tee oder Kaffee
Datum:
6. Mai 2026
Von:
Wolfgang Drießen

Ich hatte mal einen Kollegen, dem immer, wenn er sich über etwas so richtig aufregen wollte, regelmäßig die Sprache weg blieb. Er schnappte dann nach Luft, machte den Mund auf und heraus kam……nichts.  Manchmal so ein „PFFF“ und dann wedelte er mit den Armen und jedermann war klar: das ist etwas Ernstes. Die hohe Heizkostenrechnung oder die Macke im neuen Auto. Ein empörtes Einatmen,  dann kommt noch ein „PFFF“, und die Luft ist raus. An der Höhe der Rechnung bzw. am Kratzer im Auto wäre ja sowieso nichts zu machen gewesen. Damals habe ich mich über diese Eigenart amüsiert, heute hat sie meine ganze Anerkennung. „PFFF“ anstelle von Zornausbrüchen oder schlimmer noch: Hasstiraden, wie sie vor allem in den sozialen Netzwerken heute üblich sind, das wäre viel öfter angebracht in unseren lauten Zeiten. Es geht nicht darum, Dinge in sich hinein zu fressen und unverarbeitet zu lassen. Es geht auch nicht darum zu kuschen und anderen das Feld zu überlassen. Es geht darum, einfach mal nichts zu sagen anstatt los zu plärren.  Das würde viele Verletzungen im Miteinander ersparen. Und vielleicht kämen dann auch die mal zu Wort, die eher für die leisen Töne stehen und trotzdem etwas zu sagen haben. Manchmal ist die kunstvolle Pause das Beste am Hörbuch. Und nie vergesse ich meinen Besuch einer Theatervorstellung. Griechische Tragödie, dreieinhalb Stunden, schwere Kost und ganz viel Text. Am Ende steht die Hauptdarstellerin vorn an der Bühnenrampe – wortlos - minutenlang. Zumindest kam es mir so vor. Und sie hat damit ganz viel gesagt. Denn man konnte ihr regelrecht beim Denken zusehen. Erst dann war das Stück zu Ende und ich habe mit ihr geschwitzt ob dieser wortlosen schauspielerischen Leistung. „PFFF“ – kann ich da nur sagen.