Lebenszeichen - Luisa Maurer:Von Maria, Frühling und Neubeginn

Ein kleines Mädchen pflückt im Mai ein Gänseblümchen nach dem anderen. Liebevoll steckt sie sie auf ihrer Fensterbank in ihrem Kinderzimmer zusammen. Inmitten der Blumen hat sie eine kleine, weiße Marienfigur platziert. Ein Rosenkranz baumelt um den Hals der Figur. Zufrieden schaut das kleine Mädchen seinen Marienaltar im Kinderzimmer an. Der wird dort erst einmal bleiben. Wenn andere Kinder zu Besuch kommen, zeigt das Mädchen stolz, was es aufgebaut hat.
Dass das Mädchen, das gerade im Monat Mai tut, ist kein Zufall. Wer in diesen Tagen mit offenen Augen durch seinen Alltag geht, kann es beobachten: Der Frühling ist angekommen. Ich kann beobachten: Es wird grüner und Blumen blühen. Deshalb kam wahrscheinlich schon in der Barockzeit eine Verbindung zwischen Maria und dem Monat Mai auf. Und besonders in der Romantik wurde Maria mit der aufblühenden Natur assoziiert. So wie ich gerade mit den blühenden Blumen einen Neuanfang sehe, so verbinden Christinnen und Christen auch mit Maria einen Neuanfang. Mit ihrem „Ja“ nimmt sie ein Kind an. Mit ihrem „Ja“ kommt neues Leben zur Welt. Mit ihrem „Ja“ wird Gott Mensch. Und damit beginnt die Geschichte Jesu. Sein Sterben und Auferstehen sind wie der Frühling. Neues Leben keimt auf. Zeichen dafür sind im Mai viele Marienlieder, Gebete und Maiandachten. Eine Tradition ist dabei auch, wie das kleine Mädchen, einen Marienaltar zu Hause aufzubauen. Das kleine Mädchen kennt diese Tradition von ihrer Großmutter. Die kleine, weiße Marienfigur war ein Geschenk von ihr. Sie hat sie aufbewahrt.
Heute baut sie keinen Marienaltar mehr damit. Aber die Figur hat einen Ehrenplatz in ihrer Wohnung. Was ihre Großmutter an Maria genau verehrte, weiß das Mädchen nicht genau. Ihre Großmutter ist schon viele Jahre tot. Sie kann es nur ahnen, was die so sehr an Maria bewunderte: Maria weiß, dass das Leben manchmal anders verläuft, als man selbst es plant. Sie ist bereit, sich auf Gottes Plan einzulassen, ohne genau zu wissen, was das für sie heißt. Sie zieht ein Kind groß, das sie über alles liebt. Maria weiß aber auch, was es heißt zu trauern und zu hoffen.
Das kleine Mädchen mit dem Marienaltar im Kinderzimmer war ich. Und wenn ich in diesen Tagen aus dem Fenster schaue und die aufblühende Natur beobachte, dann denke ich an die Gänseblümchen und an meine kleine, weiße Marienfigur. Sie werden mich immer daran erinnern, dass meine Großmutter für mich ein ähnliches Vorbild ist wie Maria. Eine starke Frau, die ihren Weg ging und sich bei allen Herausforderungen des Lebens immer von ihrem Glauben führen ließ. Für meine Großmutter hoffe ich heute, dass auch für sie neues Leben aufgeblüht ist. Wenn ich an sie denke, bin ich zuversichtlich, dass das möglich ist. In allen Herausforderungen auch meines Lebens. Dass etwas Neues beginnt, dass Leben aufblüht. Jeden Tag. Bei allem, was mich in meinem Alltag herausfordert. Und hoffentlich auch am Ende unseres Lebens.
Auch die Lieder, die in diesem Monat erklingen, erinnern mich daran. So heißt es in einem Lied:
Im Maien hebt die Schöpfung an,
zu singen und zu blühen.
Der Himmel hat sich aufgetan,
uns neue Frucht zu bringen.
Den Gnadenfrühling voller Pracht,
hast du Maria uns gebracht,
dir soll das Lob erklingen.