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Lebenszeichen - Alexander Haser:Der gute Hirte

Psalm 23 ist und bleibt aktuell. Selbst für eine britische Sitcom wurde dieser vertont.
Man sieht kleine grüne Pflanzen, die gerade beginnen zu wachsen
Datum:
25. Apr. 2026
Von:
Alexander Haser

„The Vicar of Dibley“. Eine britische Sitcom, die Mitte der 1990er Jahre beim Sender BBC ausgestrahlt wurde. 
Die junge anglikanische Geistliche Geraldine Granger wird der kleinen Landgemeinde Dibley als neue Pastorin zugeteilt. Sie wurde bereits von drei Gemeinden abgelehnt. Die Weihe von Frauen ist zu diesem Zeitpunkt erst in der anglikanischen Kirche neu eingeführt worden und so manche Gemeindemitglieder haben im Film wie auch in der damaligen britischen Gesellschaft ihre Probleme damit. So ist auch die Gemeinde in Dibley zunächst skeptisch. Dennoch geben sie der Pastorin eine Chance und Geraldine gelingt es in kurzer Zeit neuen Schwung in die verschrobene Landpfarrei zu bekommen.
Aber weniger der englische Humor der Sendung oder das Thema mag trotz aktueller Diskussionen hervorstechen. Es ist vielmehr die Titelmelodie der Serie. Sie wurde von Howard Goodall komponiert. In Deutschland kennt man vor allem seine Musik vom Vorspann zu den Mister Bean Filmen. Für „The Vicar of Dibley“ vertonte er Psalm 23. Es ist für mich eines der schönsten und eindringlichsten sprachlichen Bilder, welche das Buch der Psalmen enthält.

Der HERR ist mein Hirte, *
nichts wird mir fehlen.
Er lässt mich lagern auf grünen Auen *
und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.
Meine Lebenskraft bringt er zurück. /
Er führt mich auf Pfaden der Gerechtigkeit, *
getreu seinem Namen.
Auch wenn ich gehe im finsteren Tal, *
ich fürchte kein Unheil;
denn du bist bei mir…
 
Die Melodie, die Goodall hierzu komponiert hat, spiegelt ganz diese sprachlichen Bilder wider. Sie reicht von idyllischer Hirtenwiese über einen aufbrausenden Sturm, sehnsüchtige Hoffnungsrufe bis hin zu friedlicher Erlösung am Schluss. Und sind diese Bilder nicht auch Spiegelbilder für das Leben? Krieg, Eskalation, Gewalt, steigende Energiepriese, Zukunftsangst, Prüfungen, schwere Erkrankung, Negativwendungen, Beziehungsstreitigkeiten, unerwartet auftretende Probleme sind hier nur eine kleine Auswahl der Dissonanzen, die das Leben bietet. 
Wie oft habe ich in meinem Alltag die Befürchtung, dass mir alles aus der Hand gleitet. Dann sehne ich mich nach Menschen, die mich trösten, die mich in den Arm nehmen und damit für kurze Zeit aus dem Geschehen herausziehen und schützen. Dann brauche ich meine persönliche Hirtenfigur, meinen Ruheplatz. Dort spüre ich in kleinen Gesten die Zuneigung, die mir bewusst macht: „Hab keine Angst!“. „Du bist nicht allein!“ „Ich gehe mit dir mit“. Das nimmt mir nicht per se den Schmerz und löst nicht sofort alle Probleme. Es lässt mich aber nochmal zur Ruhe kommen. Ich kann mich ordnen. Ich bekomme neuen Mut zum Weitermachen.
Meine Oma hat gerne bei drückender Hitze an heißen Sommertagen vom Lied „Guter Hirt, der du deine Herde liebst“ erzählt. Dieses Lied verschwand erst aus dem Trierer Gotteslob und erschien in der Neuauflage 2013 wieder. Besonders am Gute Hirte Sonntag ist es fester Bestandteil in den Gottesdiensten. Wir haben es gerne gemeinsam gesungen. Manchmal wurde der Gesang bei der Stelle „wenn des Mittagshitze drücket“ im Sommer besonders inbrünstig. Es war keine bigotte Frömmigkeitsübung längst vergangener Tage. Es war auch kein oberflächliches Stöhnen über Temperaturen. Es war ein tiefes Lebenszeichen, dass bei aller Last des Lebens, Glaube immer hindurch tragen kann. Dass ich mich in Stunden tiefster Zweifel an mir selbst immer geliebt und begleitet wissen darf. Dass ich nach jedem Fall, neu auf-er-stehen darf und wie es im Lied heißt mit Freude in das Leben hinein „eilen“ kann, mag es noch so viele Widerstände geben. Mir gibt dieses Lied die Gewissheit, schwere Situation nach einem Moment der Sammlung neu anzugehen, vielleicht mit etwas Humor, so wie Geraldine Granger, „the Vicar of Dibley“.