Lebenszeichen - Thomas Hufschmidt:Die Weltmuttersprache "Mitgefühl"

Ich bin ein waschechter Saarländer. Geboren bin ich in Saarbrücken, aufgewachsen in Saarbrücken und Völklingen. Auch wenn ich jetzt wieder in Trier lebe, durfte ich in den vergangenen fünf Jahren wieder dahemm – in Saarbrücken – arbeiten und leben. Und wenn ich an die Zukunft denke, würde ich gerne irgendwann in meine Heimat zurückkehren.
Zu meiner Heimat gehören für mich die Menschen, das gute Essen und die Sprachen: Deutsch, Französisch gleich hinter der Grenze und natürlich das Saarländische – unsere Mundart.
Heute, am 26. September, ist der Europäische Tag der Sprachen. Er erinnert daran, wie reich Europa an Sprachen und Dialekten ist. Sprache ist mehr als ein Mittel, Informationen weiterzugeben. In unserer Muttersprache stecken Kindheit und Erinnerungen. Sie kann Heimat schaffen.
Wenn ich irgendwo auf der Welt unterwegs bin und plötzlich Saarländisch höre, dann ist da sofort ein Gefühl von Heimat. Man kennt einander nicht – und ist sich doch gleich ein wenig näher.
Aber auch Menschen, die dieselbe Sprache sprechen, können aneinander vorbeireden. Ein Satz kann eine Tür öffnen oder sie zuschlagen. Worte können ermutigen, aber auch verletzen. Sie können Nähe schaffen – oder Menschen zu Gegnern machen. In Seelsorgegesprächen erzählen mir oft Menschen, wie schmerzhaft es ist, sich nicht verstanden zu fühlen.
Der österreichische Künstler André Heller hat einmal von einer Sprache gesprochen, die alle Menschen verbindet. Er nennt sie die „Weltmuttersprache Mitgefühl“. Christoph Kardinal Schönborn, der bis vor zwei Jahren Erzbischof von Wien war, hat diesen Gedanken aufgegriffen. Diese Sprache, so sagt er, müssten wir nicht erst erlernen. Sie sei uns angeboren. Doch wir können sie verlernen.
Momentan kommt es mir vor, als ob immer mehr Menschen die Weltmuttersprache "Mitgefühl" verlernen. In politischen Debatten und sozialen Netzwerken wird der Ton härter. Menschen werden in Schubladen gesteckt, Nachbarn zu Gegnern. Viele Menschen reden übereinander – und hören einander immer weniger zu.
Mitgefühl bedeutet für mich nicht, jede Meinung zu teilen. Es bedeutet auch nicht, den anderen von oben herab zu bemitleiden. Mitgefühl beginnt dort, wo ich versuche, die Welt mit den Augen des anderen zu sehen. Wo ich frage, bevor ich urteile. Wo ich einem Menschen zugestehe, dass hinter seinen Worten eine Geschichte steckt, die ich nicht kenne.
In der Bibel gibt es dafür ein eindrückliches Bild. An Pfingsten sprechen die Jünger plötzlich in verschiedenen Sprachen. Menschen aus vielen Ländern hören die Botschaft in ihrer eigenen Muttersprache. Die Unterschiede verschwinden nicht. Gottes Geist macht nicht alle gleich. Er ermöglicht Verständigung über Grenzen hinweg.
Jesus spricht diese Sprache, wenn er im Fremden und Ausgegrenzten den einzelnen Menschen sieht.
Diese Weltmuttersprache "Mitgefühl" lässt sich im Kleinen üben: einen Satz zu Ende hören. Noch einmal nachfragen. Auf einen schnellen Kommentar verzichten. Bei jemandem bleiben, auch wenn mir gerade die richtigen Worte fehlen.
Eine neue Sprache lernt man nicht an einem Tag. Man braucht Geduld, Wiederholung und den Mut, Fehler zu machen. Vielleicht gilt das auch für das Mitgefühl. Es bleibt lebendig, wenn ich es gebrauche.
Der Europäische Tag der Sprachen erinnert mich: Die vielen Sprachen sind ein Reichtum. Doch damit wir einander wirklich verstehen, braucht es diese eine gemeinsame Sprache. Sie kennt kein Wörterbuch und keine Übersetzungs-App. Und doch kann man sie erkennen, wenn sie gesprochen wird: die Weltmuttersprache Mitgefühl. Ich nehme mir für heute vor, ein paar Sätze von ihr zu sprechen.