Zwischenruf - Thomas Mann:Herzlichen Glückwunsch

„Herzlichen Glückwunsch zum Namenstag, Thomas. Du Ungläubiger!" so gratulierte mir meine Oma jedes Jahr am 3. Juli.
Am 3. Juli ist nämlich der Gedenktag des Apostels Thomas, meines Namenspatrons. Eigentlich ist ein Apostel ein toller Namensgeber. Eigentlich! Wenn da nicht seine Beinamen wären: der Zweifler, der Ungläubige. Das klingt nicht gerade erstrebenswert. Ein Zweifler gilt überall als unbequem und vielleicht sogar als nervig.
Thomas war derjenige, der seinen Kollegen kein Wort glaubte, als sie eines Morgens vom Grab zurückkamen und freudig riefen: „Das Grab ist leer! Jesus ist von den Toten auferstanden!" Wie könnte er auch sowas glauben! So eine Aussage ist eine ziemliche Zumutung für jeden, der seinen Verstand benutzt. Thomas wollte es daher mit eigenen Augen sehen. Die Geschichten überprüfen. Sich sein eigenes Urteil bilden. Nicht blind glauben. Schon gar nicht seinen Kollegen.
So wurde er im Laufe der Zeit zum ungläubigen Thomas. Zum Zweifler Thomas.
Mir ist diese kritische Denkweise sehr sympathisch. Ich zweifle oft und frage mich: „Moment, stimmt das wirklich?"
Das ist sicherlich klug, aber auch anstrengend und erfordert Mut. Die Frage macht angreifbar. Rückfragen stören vielleicht den Frieden.
Aber was wäre die Alternative? Alles zu glauben, was einem vorgesetzt wird, in der Schule, auf der Arbeit, im Fernsehen oder Internet?
Nee, der Apostel Thomas hat richtig gehandelt. Seine Zweifel haben ihn nicht ungläubig gemacht, sondern für mich zum Vorbild.
Herzlichen Glückwunsch heute an alle, die Thomas heißen — und an alle, die lieber die Fakten checken als alles blind zu glauben.