Lebenszeichen - Marliese Klees:Vom Tellerklappern zur Musik des Lebens

Br. David Steindl-Rast ist ein Benediktinermönch aus Österreich. Er ist vor einigen Tagen 100 Jahre alt geworden. Bekannt ist er v.a. für seine Bücher, in denen er Menschen Hilfestellung gibt auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und an der Freude des Lebendigseins.
Als er sich einmal in einem buddhistischen Kloster in Kalifornien aufhält, wird ihm, wie allen Gästen dort, eine Aufgabe übertragen, und zwar soll er sich als Chef der Tellerwäscher in der Spülküche einbringen. Schmutziges Geschirr spülen - das mag den ein oder andern schon mal zum Millionär machen, aber eigentlich ist es eine Arbeit, die eher unbeliebt ist. Wer schon einmal das Scheppern der Teller und des Geschirrs beim Spülen in Großküchen und Kantinen gehört hat, kann verstehen, wie sehr dieser Lärm nervt und das Ohr eines Menschen, der in der Stille lebt, beleidigen kann.
Kurzerhand ändert Br. David das Ritual der Tellerwäscher ab. Doch wie das so ist mit den Dingen und Phänomenen, die einen einmal nerven, sie verselbständigen sich und bleiben im Gedächtnis hängen. Davor sind auch Mönche nicht gefeit. Als Bruder David längst wieder in seinem eigenen Kloster ist, muss er einfach noch einen Hinweis loswerden, um Ruhe zu finden. Er schreibt seinem „Amtsnachfolger“ als Tellerwäscherchef einen Gruß mit einer Empfehlung zur Aufmerksamkeit und zur Selbsterkenntnis. In dem Brief heißt es: „Lasst uns horchen auf den Klang des Wassers und des Schrubbens, auf die verschiedenen Klänge, welche durch das Klappern der Teller entstehen. Die Klänge unserer Arbeit erzählen uns viel über unsere Gewohnheiten... Die meisten Menschen waschen ungern ab. Vielleicht können sie schätzen lernen, wie sich Holzschalen anfühlen, Töpfe und Krüge, einfach alles, was sie berühren, das Gewicht von etwas, das wir aufheben oder niedersetzen, die verschiedenen Gerüche und Geräusche.“ Und er fährt fort: „Der heilige Benedikt, der Gründervater der westlichen Mönche sagt, dass in einem Kloster jeder Topf und jede Pfanne mit der gleichen Ehrfurcht behandelt werden soll wie die heiligen Altargefäße.» (1) So, meint Br. David, lassen sich die Ohren und Nerven empfindsamer Menschen schonen und gleichzeitig Teller spülen und Meditation zusammenbringen.
Hören ist für Br. David Steindl-Rast eine Grundlage seines Mönchseins. Die Regel seines Ordens beginnt mit genau diesem Wort: höre! „Höre auf das Wort des Meisters, öffne das Ohr deines Herzens“. Der Mönch und die Nonne sollen ihr akustisches Hören und Zuhören schulen, aber auch ihr inneres Hören und dazu bei allem, was sie tun, ihre Empfindungen beachten und dankbar sein dafür, was ihnen mit dem Hören geschenkt ist. Überhaupt findet er, dass Dankbarkeit der Schlüssel zum Glück ist. Wer dankbar ist, ist glücklich, so seine Erfahrung.
Br. David hat sein Ohr an der Musik und dem Mönchsgesang geschult. Über seine Erfahrungen mit ihr schreibt er sogar ein ganzes Buch. Es trägt den Titel „Musik der Stille“. „Musik hören oder Singen heißt etwas tun, was keinem pragmatischen Zweck dient. Es ist nur Feiern und Lobpreisen, es heißt nur, die Freude und Schönheit des Lebens, die Herrlichkeit Gottes zu kosten. Musik sogar mitten in einem ganz zielgerichteten Tag anzuhören, erinnert uns daran, unserer Erfahrung eine andere Dimension hinzuzufügen, die Dimension des Sinnes, die das Ganze der Mühe wert macht.“ (2)
Für Br. David Steindl-Rast ist das eine echte Alternative zum Geklapper der Teller. Musik - aber auch Tanz, Literatur und Lyrik - erlösen vom Krach des Alltags und öffnen dem Menschen Sinne und Herz und Dankbarkeit für das Geschenk des Lebens.
(1) https://www.bibliothek-david-steindl-rast.ch/bibliothek/texte/texte-ueber-bruder-david/mit-erfurcht-abwaschen aus: einem Brief Quelle: Wind Bell, Herbst 1968, Übersetzung von Eve Landis.
(2) https://www.bibliothek-david-steindl-rast.ch/lebensthemen/schluesselbegriffe/singen Quelle: Musik der Stille(2023): ‹Zum Gregorianischen Gesang›, 24f.