Zwischenruf - Thomas Mann:Zum Glück gibt es einen Hund

„Früher trafen wir uns spontan, ungeplant, einfach so, auf einen Kaffee oder ein Bierchen oder auch einen Spaziergang mit dem Hund. Heute gibt es nur noch offizielle Treffen, Termine.“
Ich begleite zwei Menschen, die sich in den letzten Jahren entfremdet haben. Es sind Vater und Tochter.
Die Tochter hat das Gefühl, nicht genug gesehen zu werden. Die anderen Geschwister zählen anscheinend mehr. In der Familie ist es nicht üblich, Konflikte und Gefühle offen anzusprechen. Also zog sie sich zurück. Leise, Schritt für Schritt. Immer weiter, bis es nur noch Treffen auf Termin gab.
Nun ist der Vater schwer erkrankt. Und plötzlich … wird die Zeit knapp.
Zur Aussprache bringt die Tochter ihren Hund mit. Als der Vater den Raum betritt, läuft der Hund sofort auf ihn zu. Ohne Zögern, freudig, wedelt mit dem Schwanz und hat die Leine im Maul. Das ist eine Einladung: „Komm. Gehen wir spazieren!“
Der Vater freut sich und nimmt den Hund in die Arme und das Eis bricht. Nicht durch einen mutigen Satz, sondern durch einen Hund, der einfach nur froh ist, dass seine Liebsten wieder in einem Raum sind.
Das Gespräch zwischen Vater und Tochter ist nicht einfach, aber wichtig und notwendig. Vieles kommt zur Sprache, was lange ungesagt blieb. Am Ende umarmen sich die beiden. Und sie verabreden sich direkt zu einem Spaziergang.
Wirklich wichtige Dinge, dürfen wir nicht aufschieben. Oft warten wir auf den richtigen Moment, auf irgendetwas, das die Sache leichter macht. Doch dadurch wird es meist nicht leichter, sondern nur dringlicher.
Zum Glück hat der Hund die Beiden noch rechtzeitig daran erinnert.